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St. Bürokratius macht selbst vor den Toten nicht halt

In den Kulissen des Krematoriums Völklingen sind die Abläufe nahezu perfekt digitalisiert und die Automation beeindruckend – nur die staatlich verordnete Zettelwirtschaft mit bis zu vierfacher Erfassung von Daten nervt alle Beteiligten. Zu Recht!

Bildnachweise: inplan-media & Vereinigte Feuerbestattungen Saar

Der dramatische Wandel der Bestattungskultur hin zu 80 Prozent Kremierungen ist hier weithin sichtbar: der Liebherr 53K, ein riesiger Baukran, überragt alles und legt Zeugnis ab von einer Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Wir sind im Krematorium Völklingen der Vereinigten Feuerbestattung Saar am Waldfriedhof. Hier wird kräftig investiert, um dem Massentrend hin zur Einäscherung von Leichen Rechnung zu tragen. Aus der gigantischen Baugrube neben dem bestehenden Krematorium soll bis Ende des Sommers eine Trauerhalle und ein Trauercafé mit barrierefreien Toiletten, ein weiterer Kühlraum, eine zusätzliche Anfahrt für Bestatterfahrzeuge sowie ein Erweiterungsbau für eine in zwei bis drei Jahren notwendige dritte Ofenlinie entstehen. Nur so sei der gestiegenen Nachfrage nach Feuerbestattungen Rechnung zu tragen, sagt Uwe Kunzler, Geschäftsführer der Vereinigte Feuerbestattung Saar GmbH und Bauherr dieser Maßnahme.

Gut 1,2 Millionen Euro lässt sich das Unternehmen die Erweiterung kosten. Gut angelegtes Geld, wenn man bedenkt, dass im gesamten Jahr 2020 die kuriose Zahl von 8.888 Leichen in den Krematorien in Völklingen und Saarbrücken verbrannt wurden. Allzeitrekord! Im Januar diesen Jahres waren es in Summe gar fast 1.000 Einäscherungen, was natürlich auch auf die Corona- Pandemie zurückzuführen ist, die offensichtlich nicht nur wirtschaftliche Verlierer hat, wenn man das in diesem Fall so sagen darf.

Um in Völklingen zu bewältigen, was zu bewältigen ist, arbeiten die sieben Mitarbeiter im überlappenden Zwei- Schicht-Betrieb von morgens 6 Uhr bis abends um 20 Uhr. „Seit März 2020 sind wir hier voll unter Strom, was die Mitarbeiter an die Grenzen der Belastungsfähigkeit bringt“, sagt Uwe Kunzler, der von 20 bis 24 Kremierungen am Tag in Völklingen erzählt.

Welche Qualifikation braucht es eigentlich, um in einem Krematorium arbeiten zu können? Welche Berufe werden bevorzugt? Uwe Kunzler gibt eine zunächst vielleicht überraschende, aber dann leicht nachvollziehbare Antwort: „Potenzielle Mitarbeiter müssen vor allem einmal mit dem Thema Leichen umgehen können, was beileibe nicht selbstverständlich ist.“ Soll heißen, die psychische Konstitution muss stimmen. Und dann werden Menschen aus technischen Berufen mit Erfahrungen im Bereich des Bestattungswesens oder der Feuerwehr „angeschult“, wie die Einarbeitung in diesem speziellen Fall heißt.

Und wieder fährt ein grauer Leichenwagen die Rampe hoch. Der Bestatter meldet sich am Empfang, dort sitzt zurzeit Betriebsleiter Günter Mosig, der sozusagen Mitgründer des Krematoriums in Völklingen ist. Übrigens „eines der schönsten in Deutschland“, so Uwe Kunzler. Und eben dort verrichtet Mosig seit nunmehr 16 Jahren seinen anspr uchs vol len Dienst: Daten von den Bestattern und den angelieferten Leichen aufnehmen, schauen, dass die Technik funktioniert, dass die Kühlräume ausreichend Platz bieten und kein „Leichenstau“ entsteht. Und so weiter. Sein Job scheint überraschend abwechslungsreich, denn hier lauert an jeder Ecke ein technisches Problem, was schnellstmöglich behoben werden muss.

Mit dem neuen Trakt werden die Aufgaben für die Mitarbeiter noch vielfältiger und komplexer, denn mit Inbetriebnahme wird sich die Krematoriumsfläche verdoppeln und die Kühlkapazitäten werden stark erweitert sein. Die bisherigen Abläufe müssen also angepasst werden. Außerdem könnte es sein, dass es dann noch mehr Anfragen für Führungen gibt wie vor dem Corona-Stopp. Eine Führung im Krematorium? Wer will oder sollte sich das antun?

Günter Mosig und Uwe Kunzler erzählen von Medizinstudenten, Krankenpflegern, angehendem Pflegepersonal und interssierten Bürgerinnen und Bürgern, die hier immer wieder Führungen in Gruppen buchen. „Gehört zur Ausbildung!“ Und wahrlich, wer einmal hier ist und die komplexen, wenn auch klar strukturierten Abläufe von der „Einfahrt des Sarges“ in den Verbrennungsofen (Temperaturen zwischen 650 und 1.000 Grad) über die Drehung der Asche im Ofen, die Aschesiebung über die Herausfilterung von medizinischem, magnetischem Metall aus der Asche nachvollzieht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, zumal alles vollautomatisch läuft. Nach dem gut dreistündigen Prozess innerhalb des Krematoriums muss nur noch das versiegelte Anbringen des Urnendeckels der Öko-Standardurne mit den Daten des Verstorbenen in Handarbeit gemacht werden. Und diese Daten müssen mit den Daten des Schamottsteins in der Asche übereinstimmen. Danach kann die Urne dem Bestatter übergeben werden.